Wie übersetzt man Marmor in Stahl und Bewegung in Stabilität unter den Winden der Ostsee?
Der HSB Turning Torso (1999–2005) ist nicht nur ein Wolkenkratzer; er ist die Materialisierung der „Lebendigen Architektur“ von Santiago Calatrava. Unter der Projektleitung von Ingvar Nohlin und initiiert durch den Bauherrn HSB Malmö gelang es, eine Marmorskulptur in ein bewohnbares Tragwerk von 190 Metern Höhe zu transformieren. Seine Geometrie gliedert sich in neun Kuben mit jeweils fünf Stockwerken, die von der Basis bis zur Spitze eine Gesamtrotation de 90 Grad vollziehen. Damit wurde er zum unbestrittenen Pionier helicoidaler Wolkenkratzer im urbanen Maßstab.
Es gab dafür keine Standardpläne. Jeder der neun fünfstöckigen Kuben besitzt eine einzigartige Geometrie, die sich gegenüber dem vorherigen verdreht. Bei einem normalen Bau wiederholt man die gleichen Schritte Etage für Etage, wodurch das Team beim Aufstieg an Effizienz gewinnt. Hier war es jedes Mal, wenn wir einen neuen Kubus begannen, als würden wir ein völlig anderes Gebäude von Grund auf neu starten. Wir mussten die Messverfahren und die Schalungssysteme im laufenden Betrieb erfinden; es gab schlichtweg kein Handbuch für die Errichtung eines solchen Bauwerks. — Ingvar Nohlin (Projektleiter, HSB Malmö)
Die Herausforderung der „Null-Lernkurve“ und der Verlust des Baustellentakts
Beim traditionellen Hochhausbau hängen die Wirtschaftlichkeit und der logistische Erfolg von der Wiederholung der Zyklen ab. Ab dem zehnten Stockwerk eines konventionellen Turms beherrscht das Baustellenteam die Geometrie, die Abbindezeiten des Betons und die Montage der Fassade. Die Arbeitsabläufe der Handwerker automatisieren sich, die Lernkurve wird optimiert und die Bauzeit pro Etage sinkt drastisch. Der Turning Torso hebelte dieses industrielle und konstruktive Prinzip vollständig aus.
Durch die Ausführung einer Rotation von 1,6 Grad pro Etage, organisiert in neun unabhängigen Modulen, sah sich das Ingenieurskonsortium mit einem völlig neuen Szenario konfrontiert:
Der geometrische „Reset“ pro Kubus: Beim Start jedes der neun fünfstöckigen Kuben erlebte das technische Team einen absoluten operativen Neustart. Die relative Position der Verankerungen des Stahlexoskeletts von EMESA, die Trägeranschlüsse und die Ausrichtung der radialen Installationen änderten sich dreidimensional. Es gab keinen Baustellentakt; jedes Modul funktionierte wie ein eigenständiges, komplexes Gebäude, das auf dem vorherigen errichtet wurde.
Fortschrittliche Geodäsie und Vermessungstechnik: Anfang der 2000er Jahre waren Positionierungssysteme und parametrische Modellierungssoftware noch nicht so ausgereift wie heute. Die Kontrolle des Lots und der Torsion des zentralen zylindrischen Betonkerns unter den rauen Winden der Öresundstraße zwang die Ingenieure von SWECO AB zur Entwicklung von geodätischen Echtzeit-Überwachungssystemen. Jeder Betonierguss erforderte eine millimetergenaue Toleranzberechnung, um zu verhindern, dass sich der Rotationsfehler bis zur Spitze katastrophal aufsummiert.
Dynamische Kletterschalungen: Die für den von NCC ausgeführten Zentralkern verwendeten Kletterschalungen mussten sich nicht nur vertikal bewegen, sondern wurden mechanisch so angepasst, dass sie die subtile geometrische Spirale des Turms millimetergenau führten und gleichzeitig die fortschreitende Verjüngung der Stahlbetonwände kompensierten.
Das Tragwerkssystem: Kern und Rückgrat
Die mechanische Stabilität des gesamten Bauwerks beruht auf einer technischen Symbiose zweier massiver Systeme:
Der Zentralkern: Ein Stahlbetonzylinder mit einem Durchmesser von 10,6 Metern. Die Wandstärke ist variabel und verjüngt sich von 2,5 Metern an der Basis auf 0,4 Meter an der Spitze, um das Eigengewicht zu optimieren. Dieser Kern beherbergt die vertikale Erschließung (Aufzüge, Treppenhäuser) sowie einen Großteil der Haustechnik und fungiert als starre Rotationsachse für die dünnen, 27 cm starken Beton-Geschossdecken.
Skulptur: „Twisting Torso“
Skizze: Helicoidaler Torso
Der Turning Torso basiert auf einer Skulptur, die ich Anfang der neunziger Jahre geschaffen habe. Sie stellt einen menschlichen Körper in Bewegung dar, eine Figur, die sich um ihre eigene Achse dreht. Meine Absicht war es stets, die Beziehung zwischen der Statik der Konstruktion und der Dynamik der organischen Bewegung zu erforschen. — Santiago Calatrava: Complete Works 1975-2015 (Ed. Taschen)
Das Rückgrat (Exoskelett und äußere Tragwand): Dies ist die kritische Komponente zur Torsionsaufnahme. Es besteht aus einem 820 Tonnen schweren externen Stahlfachwerk, das an der Fassade entlangläuft. Dieses ist über 20 horizontale und diagonale Stabilisatoren pro Kubus mit dem Kern verbunden. Diese metallische „Wirbelsäule“ leitet die Querkräfte direkt in das Fundament ab, wodurch die Innenräume stützenfrei und flexibel gestaltbar bleiben.
Detail-Engineering: Lastverteilungsblöcke aus Massivbeton
Die Kopplung zwischen dieser äußeren Stahlstruktur von EMESA und der Betonmasse des Kerns erforderte die Lösung extremer Spannungskonzentrationen. An den Knotenpunkten und kritischen Anschlussstellen, an denen die massiven Zugstangen der äußeren Stahlwand verankert sind, wären konventionelle Deckenplatten und Verbindungen unter Durchstanzen oder Materialermüdung versagt.
Um diese vektoriellen Kräfte aufzunehmen und in den Kern umzuleiten, wurde an diesen Kontaktpunkten eine lokale Verstärkung aus hochfestem Massivbeton (solid concrete blocking) ausgeführt. Diese massiven Zonen fungieren als starre Transferblöcke, die den Anschluss des Exoskeletts sichern. Sie garantieren, dass die monumentalen Zug- und Torsionskräfte, die vom stählernen Rückgrat induziert werden, sauber in die Primärstruktur des Gebäudes abgeleitet werden, ohne dass es zu Rissbildungen im Randbeton kommt.
Fassade und Grundrissgeometrie: Die reale Anatomie der Rotation
Eine der größten technischen Herausforderungen war die Konstruktion der Glas-Aluminium-Gebäudehülle. Obwohl das Gebäude gekrümmt wirkt, wurde eine Geometrie mittels Regelflächen angewandt: Die Fassade besteht aus ca. 2.800 Aluminiumpaneelen und 2.250 ebenen Fensterscheiben.
Der Grundriss des Turning Torso bricht mit der konventionellen Symmetrie durch eine unregelmäßige und asymmetrische polyedrische Geometrie. Diese unterteilt sich in zwei Bereiche innerhalb der Nutzfläche des Gebäudes, das in neun Kuben mit jeweils fünf Etagen strukturiert ist:
Der gekrümmte Fassadenkörper: Der für die Haupträume vorgesehene Außenbereich wird durch drei leicht geschwungene Seiten begrenzt. Aus ästhetischen Gründen schlug der Architekt vor, die Ecken zu schließen und dort 8 plane Fenster (insgesamt 24 pro Etage) zu platzieren. Dadurch kann die modulare Vorhangfassade die Torsion durch eine subtile Winkelstellung zwischen den planen Paneelen visuell absorbieren. Um der Drehung des Gebäudes zu folgen, werden die Paneele mit einer leichten Neigung zueinander montiert; die Krümmung ist somit eine optische Täuschung, die durch die Segmentierung ebener Flächen entsteht.
Der nutzbare dreieckige Keil: Die beiden anderen Fassaden sind gerade und laufen pfeilförmig zusammen. Dieser Bereich ist kein rein strukturelles Anhängsel, sondern vollständig in die Nutzfläche der Büros und Premium-Apartments integriert. Seine winklige Geometrie erzeugt die notwendige Steifigkeit, damit sich das äußere Stahlexoskelett in jedem Stockwerk verankern kann, um so die Torsionskräfte wirksam abzufangen.
Regelgeschoss-Grundriss der Luxuswohnungen: Der Verschluss der funktionalen Ecken ermöglichte die Unterbringung eines strategischen Versorgungsschachts sowie die Einrichtung eines Badezimmers an beiden Enden. Diese sind mit einem kreisförmigen Fenster ausgestattet, das als **Bullauge** die Homogenität der Vorhangfassade aufbricht und einen Akzent setzt.
Dieser unregelmäßige Querschnitt rotiert präzise um 1,6 Grad pro Etage um seine zylindrische Zentralachse. Durch die vertikale Staffelung bricht das dreidimensionale Volumen mit der Form des klassischen Zylinders oder des regelmäßigen Prismas und etabliert eine echte lebendige Skulptur, deren Perspektive sich je nach Blickwinkel des Betrachters radikal verändert.
Folcrá entwickelte ein System, das es der Fassade ermöglicht zu „atmen“ und die relativen Bewegungen zwischen dem Betonkern und dem Stahlexoskelett auszugleichen, ohne die Schlagregendichtheit unter extremen Klimabedingungen zu gefährden.
Berechnungen prognostizieren, dass sich das Gebäude bei einem Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 44 m/s an der Spitze um lediglich 30 Zentimeter in einer langsamen Bewegung auslenkt. Diese geringe Bewegung ist kaum wahrnehmbar. Dennoch war der Wind an diesem Küstenstandort unsere größte Komplikation: Die Böen verursachten mehr als 150 Tage akkumulierte Verzögerung beim Betonieren und beim Heben des Stahlexoskeletts. Malmö ist ein extrem windiger Ort, besonders im Winter. — Ingvar Nohlin (Projektleiter, HSB Malmö)
Helicoidale Aerodynamik: Die Deaktivierung der Kármánschen Wirbelstraße
Das spiralförmige Design des Turning Torso ist nicht nur ästhetischer Natur, sondern fungiert als passiver aerodynamischer Dämpfer. Bei rein prismatischen oder zylindrischen Baukörpern erzeugt der Wind das Phänomen der Kármánschen Wirbelstraße (vortex shedding) — periodische Wirbelablösungen, die kritische Querkräfte und Resonanzschwingungen induzieren.
Durch die 90-Grad-Rotation der Sektion unterbricht die helicoidale Geometrie die Windströmung kontinuierlich und verhindert, dass sich die Wirbelablösungen über die gesamte Höhe des Turms synchronisieren. Um dieses Verhalten zu maximieren und eine aerodynamische Dekompression zu ermöglichen, befindet sich zwischen jedem der neun Kuben eine offene, umlaufende Techniketage. Mit Ausnahme des zentralen zylindrischen Betonkerns, der kontinuierlich durchläuft, brechen diese offenen Zwischenräume die laminare Strömung des Ostseewinds (sie lassen die Luft passieren) und reduzieren so den Strömungswiderstand und die dynamischen Druckbelastungen auf die Vorhangfassade drastisch.
Die Rotation von 1,6 Grad pro Etage erzwang eine grundlegende Neudefinition der Innenraumgestaltung (unter der Leitung von Samark Arkitektur & Design):
Sich verändernde Grundrisse: Kein einziges Stockwerk gleicht dem anderen in seiner Ausrichtung. Dies erfordert, dass sich die TGA-Installationen (Technische Gebäudeausrüstung für Heizung, Lüftung, Sanitär und Elektro) mit zunehmender Höhe des Gebäudes radial vom Zentralkern aus verschieben.
Die ersten beiden Kuben über dem Bodenniveau sind für hochwertige Büroflächen vorgesehen, während sich vom dritten bis zum neunten Kubus insgesamt 147 Luxusapartments verteilen. Der Verzicht auf perimetrische Stützen ermöglicht ununterbrochene Panoramablicke auf die Öresundstraße und Kopenhagen.
Gründungstechnik und Grundwasserspiegel
Die extreme Nähe zum Meer erforderte eine ziviltechnische Meisterleistung, die in enger Abstimmung zwischen den Ingenieuren von Calatrava, den Geotechnik-Beratern von SWECO AB / Dr. Vollenweider AG und dem Bauunternehmen PEAB realisiert wurde:
Verankerung im Untergrund: Der Turm ruht auf einer 7 Meter dicken, massiven Sohlplatte (Fundamentplatte), die in einem kontinuierlichen Betonierprozess gegossen und direkt im tief liegenden Kalksteinfels verankert wurde.
Wasserhaltung und -management: Aufgrund des kritischen Grundwasserspiegels an diesem Küstenstandort ergaben die technischen Gutachten, dass der Aushub von Untergeschossen direkt unter dem Turm nicht realisierbar war. Um das Tragwerk vor dem enormen hydrostatischen Druck und potenziellen Salzwasserintrusionen zu schützen, wurde entschieden, das Parkhaus oberirdisch in ein Nebengebäude auszulagern. Diese logistisch und konstruktiv komplexe Lösung wurde unter der Gesamtleitung von Ingvar Nohlin erfolgreich koordiniert und umgesetzt.
Das ist das Komplizierteste, was je in Schweden gebaut wurde. Es mussten viele offene Fragen gelöst werden und es war ein Höchstmaß an Kreativität erforderlich. — Ingvar Nohlin (Projektleiter, HSB Malmö)
Technische Daten und Projektteam: Röntgenaufnahme einer Ikone | Turning Torso, Malmö
Projekt
HSB Turning Torso
Standort
Malmö, Schweden
Konzept
Inspiriert von der Skulptur Twisting Torso von Santiago Calatrava
Bauherr / Bauträger
HSB Malmö
Architektur (Entwurf)
Santiago Calatrava Architects & Engineers
Tragwerksplanung
Santiago Calatrava Architects & Engineers
Projektleiter
Ingvar Nohlin
Prüfingenieure (Peer Review)
SWECO AB
Technische Gebäudeausrüstung (TGA)
SWECO AB (Mechanik, Elektrotechnik und Sanitär)
Höhe / Etagen
190 Meter / 57 Etagen laut CTBUH (54 nutzbare Ebenen, organisiert in 9 rotierenden Kuben)
Windkanaluntersuchung
Windkanaltests zur aerodynamischen Optimierung und Bemessung des Exoskeletts
Gründung & Geotechnik
PEAB (Baugrube/Gründung) / SWECO AB und Dr. Vollenweider AG (Geotechnik)
Brandschutz & Sicherheit
Öresund Safety Advisors
Landschaftsarchitektur
SWECO AB
Technische Spezifikationen und Industrielösungen
PROJEKTPARTNER
Komponente
Partner / Marke
Detaillierte technische Ausführung
Hauptbauausführung
NCC
Tätigkeit als Generalunternehmer (Main Contractor) für die anspruchsvolle Umsetzung der monolithischen Turmstruktur.
Bauleitung
Ingvar Nohlin (HSB Malmö)
Bauleiter und verantwortlich für die Gesamtprojektsteuerung, Logistikplanung und das fortschrittliche Baumanagement des Wolkenkratzers.
Vorhangfassade / Außenwand
Grupo Folcrá Edificación S.A.
Engineering, technische Entwicklung und Realisierung der Elementfassade (Unitized Facade) in Kooperation mit Nicholas Green & Anthony Hunt.
Innenarchitektur
Samark Arkitektur & Design
Komplettlösung des AB-Designs und komplexe räumliche Koordination zur Raumaufteilung der variablen Innenräume in den Modulgeschossen.
Stahltragwerk
EMESA
Fertigung und Lieferung der hochfesten Stahlkonstruktion für das aussteifende Außen-Exoskelett.
Bodenbelagssysteme
Armstrong World Industries
Lieferung und Systemintegration hocheffizienter, technischer Bodenbelagslösungen und Innenverkleidungen.
Vertikaler Transport
KONE
Installation von voll integrierten und dynamisch optimierten Hochgeschwindigkeits-Aufzugssystemen im Beton-Zentralkern.
Höhenzugangstechnik
Alimak Hek
Strategischer Einsatz von hochkapazitiven Bauaufzügen und Kletterplattformen während der Rohbauphase.
Turmdrehkrane
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Eine ewige Ikone: Wo Ingenieurkunst die Skyline formt und Bewegung einfriert
Der HSB Turning Torso überschreitet die Grenzen der konventionellen Ingenieurkunst und etabliert sich als das ultimative Manifest der lebendigen Architektur von Santiago Calatrava. Indem dieses Meisterwerk die Rigidität des traditionellen Prismas mit seiner Rotation von 90 Grad herausfordert, beweist es, dass sich die organische Dynamik der menschlichen Anatomie in absolute Stabilität gegenüber den rauen Winden der Ostsee übersetzen lässt. Bestätigt durch Meilensteine wie den MIPIM Award für das beste Wohngebäude der Welt und seine historische Würdigung durch das CTBUH, liegt der Erfolg des Projekts darin, dass seine formale Kühnheit vollständig durch technische Präzision untermauert wird: eine perfekte Symbiose aus dem Betonkern von NCC, dem äußeren Stahlrückgrat von EMESA und der segmentierten Elementfassade von Folcrá.
« Der Turm dreht sich, ja. Und es mag sein, dass ab jetzt andere Architekten anfangen, sich drehende Türme zu bauen und behaupten, die Helix entdeckt zu haben. Gut. Ich habe sie nicht entdeckt. Pere Compte hat sie in den Säulen der Seidenbörse von Valencia entdeckt, Borromini hat sie entdeckt. », — Santiago Calatrava
Unter der Gesamtleitung von Ingvar Nohlin für HSB Malmö steht der Turning Torso nicht nur als unumstrittener Pionier der weltweiten gedrehten Wolkenkratzer, sondern auch als unwiderlegbarer Beweis dafür, dass die Architektur fähig ist, die Skyline zu formen und Bewegung in einer ewigen Ikone einzufrieren, wenn künstlerische Avantgarde und hochentwickelter Ingenieurbau in einem makellosen Zusammenspiel verschmelzen.
Die Struktur ist das Element, das den Raum erzeugt und die Form definiert. Beim Turning Torso absorbiert das äußere Stahlrückgrat die Torsionskräfte, die durch den Wind der Ostsee verursacht werden. Es gibt keine Trennung zwischen der Kunst der Bildhauerei und der Physik des Gegengewichts. — Santiago Calatrava: The Poetics of Movement (Universe Publishing)
Auszeichnungen und Ehrungen: HSB Turning Torso
Der Turning Torso blickt auf eine beeindruckende Reihe internationaler Auszeichnungen zurück. Die Ehrungen reichen von seiner anfänglichen strukturellen Innovation in Beton und Stahl bis hin zu Preisen, die seine jahrzehntelange ikonische Bedeutung und herausragende städtebauliche Qualität würdigen.
2003 | SBI Silver Beam Award: Verliehen vom Stålbyggnadsinstitutet (Schwedisches Institut für Stahlbau) für die Entwicklung seines innovativen Stahl-Exoskeletts.
2005 | MIPIM Awards: Gewinner der Auszeichnung für das Beste Wohngebäude der Welt in Cannes, Frankreich.
2005 | Emporis Skyscraper Award: Goldmedaille. Ausgezeichnet als bester Wolkenkratzer des Jahres weltweit für Design und Funktionalität.
2006 | fib Award for Outstanding Concrete Structures: Verliehen von der Fédération Internationale du Béton (Internationale Vereinigung für Struktur-Beton) in Anerkennung der exzellenten Ausführung des Kerns und der Deckenplatten aus Stahlbeton.
2015 | CTBUH / CVU Ten Year Award: Gewinner der Auszeichnung des Council on Tall Buildings and Urban Habitat, die den Wert, die Leistungsfähigkeit und den nachhaltigen ikonischen Erfolg nach einem vollen Jahrzehnt im Betrieb würdigt.
2019 | CTBUH / CVU 50 Most Influential Tall Buildings: Aufnahme in die exklusive historische Liste der 50 einflussreichsten Wolkenkratzer der letzten 50 Jahre aufgrund seines tiefgreifenden Einflusses auf die dreidimensionale geometrische Gestaltung.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum HSB Turning Torso (Entwurf: Calatrava):
Warum wurde ein externes Stahl-Exoskelett von EMESA anstelle einer reinen Betonstruktur verwendet?
Um die Torsionskräfte aufzunehmen, Zwischenstützen komplett zu eliminieren und stützenfreie, flexible Grundrisse zu ermöglichen. Während der von NCC ausgeführte zylindrische Betoninnenkern reine Druckbelastungen aufnimmt, absorbiert das hochfeste, periphere Stahlfachwerk von EMESA (820 Tonnen) die enormen Zug- und Torsionskräfte. Diese Außenstruktur ist über 20 horizontale Ausleger (Stabis) pro Kubus mit dem Kern verbunden und leitet die Querkräfte direkt in die Tiefgründung ab.
Wie absorbiert die Elementfassade von Folcrá die Spannungen und Verformungen des Turms?
Die von der Grupo Folcrá Edificación S.A. in Kooperation mit Nicholas Green & Anthony Hunt entwickelte Elementfassade (Unitized Curtain Wall) realisiert die Drehung durch eine **flächenweise Segmentierung**: Ein System aus eigenständigen Aluminiumpaneelen und planen Fensterscheiben, die mit einer minimalen gegenseitigen Abwinkelung montiert sind, erzeugt die **optische Täuschung einer kontinuierlichen Krümmung**. Da es sich nicht um eine starre Konstruktion handelt, lässt diese artikulierte Segmentierung die Gebäudehülle mechanisch „atmen“. Sie kompensiert so die Relativbewegungen zwischen Kern und Exoskelett sowie die Schwankungen von bis verformungsbedingt 30 cm an der Turmspitze, ohne Spannungen auf das Glas zu übertragen oder die Schlagregendichtheit zu gefährden.
Wie wurden die Innenarchitektur und die TGA-Leitungsnetze bei rotierenden Grundrissen gelöst?
Die Herausforderung der Innenarchitektur (Design AB) wurde von Samark Arkitektur & Design gelöst. Durch die axiale Drehung von 1,6° pro Geschoss verändert sich die relative Lage der Räume auf jeder Ebene. Um dies statisch und funktional zu lösen, verlaufen die Hauptfallrohre und primären Steigleitungen streng vertikal innerhalb des steifen Betonkerns. Die sekundären Verteilungsnetze (Sanitär-, Elektro- und HLKK-Installationen) führen hingegen eine spezifische radiale Verziehung unter dem Fußboden jedes Geschosses aus, um die variierenden Nasszellen fachgerecht anzubinden.
Welche Rolle spielten KONE und Alimak Hek beim zentralen Betonkern?
Während der Bauphase installierte Alimak Hek Hochleistungskletterbühnen und Bauaufzüge für den vertikalen Transport von Material und Personal entlang des gleitenden Betonkerns. Für den endgültigen Betrieb des Gebäudes integrierte und installierte KONE Hochgeschwindigkeitsaufzüge innerhalb des Zylinders mit 10,6 m Außendurchmesser. Diese Aufzugsanlagen wurden dynamisch optimiert, um auch bei minimalen geometrischen Abweichungen im sich windenden Schachtverlauf absolut effizient und störungsfrei zu operieren.
Warum entschied der Projektleiter Ingvar Nohlin, auf Untergeschosse zu verzichten und das Parkhaus in einem Nebengebäude unterzubringen?
Dies war eine rein technische Entscheidung von Ingvar Nohlin (HSB Malmö), um die Risiken durch den hohen Grundwasserstand und den hydrostatischen Druck der nahen Ostsee zu minimieren. Der Aushub von Untergeschossen unter einem 190 Meter hohen Tragwerk an diesem Küstenstandort hätte immense Auftriebskräfte und das Risiko von bauschädlichen Salzwassereintritten erzeugt. Die Lösung bestand darin, eine 7 Meter dicke massive Fundamentplatte direkt auf dem Kalksteinbett zu gründen und das Parkhaus oberirdisch in einem separaten Baukörper zu errichten, der über einen Versorgungstunnel angebunden ist.
Was unterscheidet die technische Präzision des Turning Torso von anderen Wohnhochhäusern?
Im Gegensatz zu konventionellen, prismatischen Hochhäusern ist der Turning Torso das weltweit erste echte helixförmige Hochhaus, dessen abstrakte dreidimensionale Geometrie einer strengen **aerodynamischen Schwingungskontrolle** unterliegt. Der Erfolg des Projekts liegt darin begründet, dass seine formale Kühnheit vollständig durch das strukturelle Tragverhalten gerechtfertigt ist. Dies wurde durch das Peer Review von SWECO AB und umfangreiche Windkanaltests validiert und setzt einen Meilenstein in der Konstruktionstechnik der Gegenwart.
AECO
Glossar für Architektur und Ingenieurwesen | HSB Turning Torso, Malmö
Schwingungskontrolle (Dämpfung): Tragwerksplanung und Aerodynamik zur Reduzierung windinduzierter Querbeschleunigungen. Durch Windkanaltests wird das Schwankungsverhalten minimiert, um die Wohnbehaglichkeit zu garantieren. Beim helicoidalen Entwurf des HSB Turning Torso wurde die maximale Auslenkung an der Spitze auf nur 30 cm begrenzt – ein außergewöhnlich steifer Wert im Vergleich zu den zulässigen 125 cm bei schlankeren Megastrukturen wie dem Wolkenkratzer Burj Khalifa.
Strukturelles Exoskelett (Rückgrat): Äußeres Tragwerk eines Gebäudes, das die primären mechanischen Lasten aufnimmt und verteilt. Beim Turning Torso absorbiert dieses periphere Stahlgitter (horizontale Ausleger und diagonale Diagrid-Streben) hocheffizient die kombinierten Torsions- und Zugkräfte. Das System leitet die dynamischen Einwirkungen direkt in die Tiefgründung ab und hält die Innenräume frei von störenden Zwischenstützen.
Steifer Innenkern: Zylindrisches oder polygonales Bauteil aus dickwandigem Stahlbeton, das als Hauptmast des Hochhauses fungiert. Seine Hauptfunktion besteht darin, die vertikalen Erschließungs- und Transportsysteme (Schnellaufzüge und Nottreppenhäuser) sowie die primäre technische Infrastruktur aufzunehmen. Seine hohe Dichte und Masse verleihen dem Gebäude eine Biege- und Torsionssteifigkeit, die konventionellen Stahlrahmenkonstruktionen weit überlegen ist.
Selbstkletternde Schalung: Hochentwickeltes Bausystem aus modularer Schalung für das Betonieren vor Ort, das sich mittels Hydraulikzylindern ohne Kranunterstützung selbsttätig nach oben bewegt. Diese Technologie macht Zusatzkrane für die vertikale Positionierung überflüssig. Sie stellt den Standard in der AECO-Branche dar, um die Errichtung von Hochhauskernen rhythmisch, sicher und hocheffizient zu realisieren.
Elementfassade (Modulare Vorhangfassade): Technische Außenhülle aus im Werk vorgefertigten Aluminium- und Glaselementen, die geschossweise an den Deckenrändern verankert werden. Beim Turning Torso löste das Fassaden-Engineering von Folcrá eine komplexe Regelflächen-Geometrie, indem plane Bauteile mit einer subtilen Winkelabweichung zueinander montiert wurden. Diese gelenkige Gliederung kompensiert die Verformungen des Turms ohne Dichtigkeitsverlust.
Grundwasserspiegel: Geometrischer Abstand, in dem sich die obere Grenze des Grundwassers im Vergleich zur Geländeoberfläche befindet. Am Küstenstandort Malmö erzwang die extreme Nähe zum Meeresniveau eine Neukonzeption des vertikalen Gebäudeschnitts. Diese kritische Rahmenbedingung veranlasste das Planungsteam dazu, auf Untergeschosse unter dem Turm vollständig zu verzichten, um die gefährlichen Auftriebskräfte auszuschließen.
Hydrostatischer Druck: Druckkraft pro Flächeneinheit, die eine ruhende Flüssigkeit auf die im Wasser liegenden Bauteile eines Gebäudes ausübt. Um die Integrität des Turms gegen Salzwassereintritt und die damit verbundenen mechanischen Belastungen dauerhaft zu schützen, traf die Projektleitung die technische Entscheidung, die Parkplatzflächen komplett oberirdisch in einem Nebengebäude unterzubringen.
TGA-Installationen mit variabler Geometrie: Leitungsnetze der technischen Gebäudeausrüstung (Technische Gebäudeausrüstung - Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektro). Bei Hochhäusern mit rotierenden Grundrissen (wie der 90°-Drehung des Turning Torso) müssen Rohrleitungen und Fallrohre mit radialen Verziehungen und Gelenkverbindungen geplant werden. Dies ermöglicht es, den Winkelversatz von genau 1,6 Grad von Geschoss zu Geschoss präzise auszugleichen.
HSB Turning Torso, Malmö (Schweden) | Wohnhochhaus mit helikaler Rotation aus Regelflächen-Geometrie
Architekt / Tragwerk
Santiago Calatrava Valls | SWECO AB (Tragwerksplanung) | Samark Arkitektur & Design (Assoziierte Architekten)
Technische Systeme
Tragsystem: Zylindrischer zentraler Stahlbetonkern (10,6 m Außendurchmesser und variable Wandstärken bis zu 2,5 m) als primäre Wirbelsäule, ergänzt durch auskragende Geschossdecken, die sukzessive rotieren und über die Gesamthöhe eine Drehung von 90 Grad vollziehen |
Stahl-Exoskelett: Außenliegendes, tubuläres Stahlfachwerk (gefertigt von EMESA), das über horizontale Ausleger mit dem Kern gekoppelt ist, um Torsionsmomente aufzunehmen und das Tragwerk gegen Windlasten zu stabilisieren |
Fassade / Hülle: Dreidimensional gekrümmte Elementfassade aus Regelflächen-Segmentierung mit circa 2800 Aluminiumpaneelen und hochfester zweidimensionaler Planverglasung (entwickelt von der Grupo Folcrá Edificación S.A.) |
Fundierung: Massive Gründungsplatte, direkt auf dem anstehenden Kalkstein gegründet, um dem hydrostatischen Auftrieb des küstennahen Standorts entgegenzuwirken |
Bauausführung & Fördertechnik: Generalbau durch NCC unter der Projektleitung von Ingvar Nohlin (HSB Malmö); für helikale Kerne optimierte Hochgeschwindigkeits-Aufzugssysteme von KONE
Validierung / Verwahrung
Niveau: Primärdaten (100%) | Quellen: Santiago Calatrava LLC, HSB Malmö, SWECO AB, Projektdokumente von EMESA und Folcrá
Hernández Hernández, José Miguel (2026). "Obras Maestras de la Arquitectura y la Ingeniería: #26 Turning Torso, Malmö". Atlas AECO. v1.1.1. Ref: AECO-ATLAS-2026-06-026. Quelle: https://www.jmhdezhdez.com/2026/07/turning-torso-calatrava-malmo-tragwerk-fassade.html
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Internationale Referenz in der technischen Analyse ikonischer und skulpturaler Architektur. Spezialist an der Schnittstelle von Tragwerksplanung, Ästhetik und technologischer Vorreiterrolle. Autor der zweisprachigen Fachbücher Turning Torso – Santiago Calatrava und Construcciones Famosas / Famous Constructions.
Especialista en el análisis de la Arquitectura Icónica y Escultural y las Obras Maestras del Arte Universal · Autor, Editor Técnico y Consultor AECO
Referente internacional en el análisis técnico de la arquitectura icónica y escultural. Mi trabajo se centra en la intersección entre la ingeniería estructural, la estética de vanguardia y la gestión editorial de contenidos especializados.
Obra Publicada:
Autor de los libros técnicos bilingües Turning Torso – Santiago Calatrava y Construcciones Famosas / Famous Constructions.
En jmhdezhdez.com publico mi archivo personal de investigaciones y análisis técnico sobre los grandes hitos de la arquitectura icónica y escultural, así como las obras maestras del Arte Universal.
En ArquitecturaCarreras.com dirijo la plataforma estratégica y editorial sobre la evolución del sector profesional.
En TuHogarConectado.com lidero la consultoría en Domótica, Smart Home y Movilidad Eléctrica AECO.
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